Wohnhaus Stubenrauchstraße 29 in Eichwalde

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Wohnhaus Stubenrauchstraße 29 in Eichwalde

Das Einfamilienhaus in der Stubenrauchstraße 29 wurde im Jahr 1931 nach den Plänen des Berliner Architekten Richard Iwan von der Staffelheim-Bau-GmbH erbaut. Es ist ein sogenanntes „Staffelheim“, da sich der Bau aus streng gegliederten kubischen Bauteilen zusammensetzt. Im Jahr 1998 wurde dieses Einfamilienhaus in die Denkmalliste des Landes Brandenburg aufgenommen.

Wohnhaus Stubenrauchstraße 29 in Eichwalde
Fotos: Burkhard Fritz

Richard Iwan war in seiner Zeit kein Unbekannter. Er hat für eine große Anzahl interessanter Bauten zu verschiedenen Verwendungszwecken in ganz Deutschland die Entwürfe geliefert. Zu diesen Bauten gehören die Stadthalle und das Theater in Greifswald, das Hauptgebäude der Bergakademie in Clausthal, die Petruskirche in Stuttgart-Gablenberg sowie 13 weitere Kirchen in Deutschland, u.a. in Köln, Koblenz und vor allem in Schlesien. Dort wurde auch eine Reihe von Herrenhäusern nach seinen Entwürfen erbaut. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit war der Bau von Stadtvillen und Geschäftshäusern in Berlin-Nikolassee und weiteren Ortsteilen im Nordwesten der Stadt Berlin. Richard Iwan bewohnte eine von ihm selbst entworfene hochherrschaftliche Villa in Nikolassee.

Das Einfamilienhaus in Eichwalde unterscheidet sich durch einen völlig anderen Baustil von seinen bis dahin entworfenen Bauten. Iwan selbst bezeichnete sich als Erfinder des sogenannten „Staffelheim-Baus“. Diese Art des Bauens sollte ein neues und modernes Wohnen präsentieren. Die Häuser sollten Einfachheit und Funktionalität in Form und Nutzung zeigen. Ein zweites Haus dieser Art ist laut Bauakte auch in unserer Nachbargemeinde Zeuthen entstanden, konnte aber bisher im Ortsbild noch nicht festgestellt werden.

Das „Staffelheim“ setzt sich aus einzelnen, streng kubischen Bauteilen zusammen, die in ihrer Größe differenziert ausgebildet sind. Von außen sieht man die einzelnen Teile in den verschiedenen Ebenen der Höhe und den verschiedenen Seiten zusammengestellt. Das Haus ist über vier Ebenen – Keller, Erdgeschoss, erstes und zweites Obergeschoss – gestaffelt. Das heißt, an den Fassaden sind Abstufungen, Vor- und Rücksprünge charakteristisch. Auch die Dachformen sind dementsprechend. Es sind „vorkragende“ Flachdächer. Bei dem Haus in Eichwalde ist eine solche Dachform einmal gleichzeitig eine Dachterrasse und zum anderen ein Balkon.

Richard Iwan versuchte wie viele seiner Kollegen, konsequent nach den Grundsätzen des „Neuen Bauens“ Zweckmäßigkeit und Funktionalität in den Vordergrund zu stellen. Die Wände des Hauses sind glatt verputzt und verzichten auf jegliches Dekor. Nur die verschieden gestalteten Fenster in Größe und Form bringen Auflockerung. Der Haupteingang an der Straßenseite, er liegt in dem eingeschossigen Gebäudeteil, ist ein besonderer Schmuck des Hauses. Die mit Rundbogen versehene Tür ist von einem Naturstein-Rahmen eingefasst. Ebenfalls aus Naturstein sind die Konsolen, die ein kleines Vordach über der Tür tragen. Sie werden geschmückt mit zwei menschlichen Köpfen einer Frau und eines Mannes. Man vermutet, dass sie die Gesichter der ersten Besitzer des Hauses darstellen.

Trotz des sehr schlichten Äußeren kann man feststellen, das die Fassade harmonisch und ästhetisch auf den Betrachter wirkt. Auch im Inneren hat das Wohnhaus seine ursprüngliche Form erhalten. Es ist funktionell und zweckmäßig aufgebaut und die einzelnen, gestaffelten Einheiten sind durch wenige Stufen verbunden. Auch im Innenausbau, der Verwendung der Materialien und der Gestaltung hat das Haus seine Ursprünglichkeit erhalten. Es zeugt von dem Können des Architekten und des Gedankens der Moderne im Bauen der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Für den Denkmalschutz ist es ein „baukünstlerisches hochrangiges Zeugnis der Architektur der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts“ in der Region des Landes Brandenburg. Darüber hinaus wird es, als einziges bisher bekanntes „Staffelheim“ dieser Art in Brandenburg, für die Architekturgeschichte als besonders wertvoll betrachtet. Für Eichwalde hat dieses Haus auch noch eine besondere Geschichte. In der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur hat der Besitzer, ein Mathematik-Professor, die Familie eines jüdischen Kollegen im Keller versteckt und vor der Verhaftung bewahrt.

Wolfgang Flügge / Ortschronist

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